Vorbereitung

06.09.2001

„Sehr geehrter Herr Schertel,

ich berufe Sie zum 10-monatigen Grundwehrdienst ab 01.11.2001 ein. Ihren Dienst treten Sie jedoch bitte erst 

am 05.11.2001 bis 18:00 Uhr 

bei 8./Gebirgsstabs- und Fernmeldelehrbataillon 8

in der Kofel 1-29, 82481 Mittenwald, Edelweisskaserne an.

Ihre weitere Verwendung nach der Grundausbildung ist im Raum MURNAU vorgesehen.

Ich muss Sie darauf hinweisen, dass Sie mit disziplinar- und strafrechtlichen Folgen rechnen müssen, wenn Sie Ihren Dienst schuldhaft nicht antreten.

Mit freundlichen Grüßen

Der Leiter“

Na super! Jetzt sollte ich also echt zum Bund kommen. Dabei kann ich mir nichts scheußlicheres vorstellen, als den Bund: marschieren, stillstehen, drillen, schlamm-robben, arschkriechen, anschreien lassen, keine Freizeit, Seife aufheben, Uniform….

Außerdem! Wie soll ich das überstehen? Da verhunger ich ja! Ich ess doch fast nur Fleisch und überhaupt kein Obst und Gemüse! Dass es eine vegetarische Kost für Angehörige anderer Religionen gibt, weiß ich ja, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie extra für mich eine ‚Nur-Fleisch-Mahlzeit’ bereitstellen. 

Das gibt Ärger, ich seh’s jetzt schon kommen….

 

08.12.1996

Ich bin 13 Jahre und 7 Monate alt und bei einem Arzt für Orthopädie – Sportmedizin hier in Bamberg. 

Meine Mutter glaubt, ich habe einen krummen Rücken und möchte  Klarheit haben. Ich werde geröntgt. Während wir auf die Bilder warten, machen wir noch eine Körperfettmessung, neueste Technik aus den Vereinigten Staaten! Der Doktor ist stolz auf sein Gerät und ich kann kein Wort davon lesen. Also muss der liebe Bruder herhalten, soweit er was davon versteht. 

18,3 % Körperfett, damit bin ich im optimalen Bereich und für Diskuswerfen, Tennis und Fußball geeignet.

Ich bin für mein Alter größer als 90 von 100 Amerikanern und schwerer als 75 von 100. Insgesamt bin ich meiner körperlichen Entwicklung um zirka zwei Jahre voraus. Aber da kommen ja endlich die Röntgenbilder!

Die Aussage ist ebenso einfach wie erdrückend für einen 13-jährigen, der sich nur die schlimmsten Horrorvisionen zeichnen kann, weil er nix kapiert. 

„Sie haben einen Scheuermannrücken, den Sie vererbt bekommen haben, außerdem haben Sie Sehnenverkürzung. Mit dem Rücken werden Sie niemals zur Bundeswehr müssen!“

Ich erinnere mich noch heute an seine Worte.

„Niemals zur Bundeswehr!“

Sein Nachfolger sollte ihn später einmal widerlegen und den Musterungsarzt bestätigen und mich damit in die Verdammnis der Bundeswehr befördern.

Schließlich hört man doch allenthalben, wie schrecklich der Bund sein soll. 

Aber damals war für mich klar, ich muss niemals dahin, aber auch, dass ich scheinbar einen so schlechten Rücken habe, dass es mir eigentlich viel schlechter gehen müsste. 

Irgendwann Ende 2000

Mein ältester Bruder hat sich gegen die Bundeswehr entschieden und leistet jetzt sieben Jahre Ersatzdienst bei der Freiwilligen Feuerwehr Bamberg ab. 

Jedes zweite Wochenende machen sie da Übungen.

Mein anderer Bruder hat sich für den Zivildienst bei der Diakonie Bamberg entschieden. Jetzt flitzt er elf Monate in einem schmucken  weißen Diakonieauto durch die Gegend; rast bessergesagt, denn um die Zeitvorgaben einzuhalten, die man hat, muss man schon wie der Teufel fahren um einigermaßen zeitgerecht die Arbeit erledigen zu können. Überstunden sind Voraussetzung, damit man angenommen wird. Das sagen sie einem aber erst später. 

Folglich leisten zwei Söhne ihren Dienst gegenüber dem Vaterland ab. Wir gehen davon aus, dass, selbst wenn ich gesund genug für die Bundeswehr sein sollte, die „Dritte-Sohn-Regelung“ greifen wird und ich nicht zum Dienst an der Waffe berufen werde. 

Aber wir gehen davon aus, dass ich nicht gesund genug bin, denn schließlich habe ich mich für den Polizeidienst beworben und mit der Endnote 2,77 bestanden. 

Mir wird schon auf die Schulter geklopft ‚wir freuen uns auf Sie, KOLLEGE!’ haben sie in Nürnberg gesagt. 

Der ärztliche Dienst in Nürnberg reagierte auf meinen Hinweis, „Ich habe einen Scheuermannrücken und Sehnenverkürzung.“ mit Gelächter. 

„Zeigen Sie mal her!“ Zwei Ärzte waren ausnahmsweise anwesend. Sie haben sich meinen Rücken betrachtet und abgeklopft, ich durfte ein paar Übungen machen. 

„Sind die Ärzte alle so kleinlich da oben in Bamberg?“ lautete die Antwort eines der beiden Doktoren. 

Dann kam ein Schreiben aus München, dass sich der dortige Polizeiarzt meine Röntgenbilder betrachtet habe und ich gemäß den derzeitigen Statuten polizeidienstuntauglich sei. 

Also, wer ist jetzt hier kleinlich?

Jedenfalls stand damit für uns fest, wenn die Polizei mich nicht nimmt, nimmt mich der Bund auch nicht.

Das war für uns logisch und richtig und so konnten wir der bevorstehenden Musterung, bei der wir uns fragten, warum ich gemustert werden sollte, da ja meine Brüder schon ihren Dienst ableisten, gelassen entgegensehen. 

Aber ein Gefühl der Unsicherheit bleibt.

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