Musterung Teil 1

10.11.2000

Heute ist der Tag meiner Musterung. Ich fahre mit dem Bus zum Kreiswehrersatzamt Bamberg, es liegt direkt neben dem Zentralen Omnibus-Bahnhof (ZOB).

War früher mal das Landratsamt. Großer weißer Klotz mit blauumrahmten Fenstern. Weiße Vorhänge versperren die Sicht in die Zimmer. Man tritt durch die schwere bronzebeschlagene Tür und landet vor einer versperrten Glastür. Rüttel, rüttel… Geht nicht auf.

Der Pförtner fragt endlich hinter seinem Sicherheitsfenster, wohin ich will. „Musterung!“ „Durch die Tür durch und die Treppe da vorne gleich hoch. Ist im ersten Stock, sie landen direkt vor der Tür.“

Die Tür geht auf. Nun gibt es kein Entrinnen mehr.

Ein großer Raum mit zwei Tischen in der Mitte und ein paar Stühlen. Verschiedene Zeitschriften über die Bundeswehr. Aschenbecher. Sporadisch verteilte Pflanzen um den Anschein eines Hauches Menschlichkeit und Naturverbundenheit zu erwecken.

Im letzten Drittel des Raumes die Treppen in das erste Stockwerk. Ich geh einfach mal auf der linken Seite die Treppe hoch um rechts oben anzukommen. Tür. Stühle. Da sitzt einer drauf. Ich frage: „Musterung?“ Er: „Ja.“ Kaum ausgesprochen kommt ein Soldat, ein Grüner, ein Vaterlandssklave, ein Verirrter, ein Seifenaufheber zu uns und fragt: „Ihr wollt zur Musterung?“

WOLLT! – Klar, ich erinnere mich an die DDR: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen!“

Aber klein und unwissend wie wir sind und da wir vor dem großen grünen Mann mit den zwei komischen Streifen auf der Schulter Respekt haben, weil wir ahnungslos sind, nicken wir und sagen schön brav „Ja!“.

„Dann wartet einfach hier und setzt euch hin, ihr kommt der Reihe nach dran.“ Ach danke! Das hätten wir uns auch selbst denken können, du Schlaubolzen. Jetzt sind wir genauso klug wie vorher – aber halt! Ist das vielleicht schon ein Teil des Planes, unseren Verstand zu brechen und uns mit dem Geist der Bundeswehr zu infizieren? Wurde von uns erwartet, dass wir schon bei der Musterung unser Gehirn beim Pförtner abgeben?

Doch auf diese tiefschürfenden Fragen sollte uns keine Antwort gegeben werden. Stattdessen sahen wir Gebrochene aus einer Tür weiter hinten auf diesem Gang kommen, die an uns vorbeischlurften um dann am anderen Ende des Kreiswehrersatzamtes auf weiteren Stühlen Platz zu nehmen.

Panik macht sich breit! Das waren einmal Männer! Wie schafft es die Bundeswehr innerhalb weniger Minuten, aus einer deutschen Eiche eine Krüppelbirke der russischen Tundra zu machen?!

Welche unsagbaren Dinge mögen sie wohl hinter diesen Türen erlebt haben? Was hat sich hier abgespielt?

Himmel! Lasst uns hier verschwinden, bevor wir noch zu seelenlosen Zombies werden, die sich Soldaten nennen!

 

Die Tür rechts neben uns öffnet sich…… Oh, Schreck! Zu spät! Der, der vor mir bereits auf sein Schicksal wartete, wurde von einer unförmigen Gestalt ins Zimmer geholt.

Wie ein Schatten wandelte sie und hinterließ von meinem Kollegen nur noch eine Erinnerung – dunkel und traurig. Kälte macht sich breit. Mich überkommt ein Frösteln.

Langsam machen sich Gedanken breit: Gedanken über die Flucht und Gedanken darüber, was der Schatten wohl alles wissen will. Und Antworten, die man geben könnte.

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