Die Toleranz endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt. Oder in den Worten von Matthias Claudius ausgedrückt: "Die Freiheit besteht darin, dass man alles tun kann, was einem anderen nicht schadet."

Kommt ein Coach an einen Autounfall.

Verletzter: "Ich brauche Hilfe."

Coach: "Sehr gut. Es sich einzugestehen ist der erste Schritt."

Der Mensch, der lesen kann und es nicht tut, ist genauso schlecht dran, wie der Mensch, der nicht lesen kann.

Das Buch "Wir amüsieren uns zu Tode" von Neil Postman wird häufiger empfohlen, wenn es um den Umgang mit Medien bzw. deren Informationsgehalt geht.

Mich selbst hat das Buch in großen Teilen nur gelangweilt, aber man kann jeder Sache etwas abgewinnen.

So habe ich auch aus diesem Buch einige Goldstücke herausgezogen, die ich nachfolgend zitieren möchte.

 

Darüber, warum man sein Glaubensbekenntnis nicht niederschreiben sollte (Seite 44):

Als wir uns zuerst als Religionsgemeinschaft zusammentaten, da hatte es Gott beliebt, unsern Geist so weit zu erleuchten, um uns einsehen zu lassen, daß einige Lehren, welche wir früher für Wahrheit gehalten hatten, Irrtümer, und daß andere, die wir für Irrtümer angesehen hatten, wirkliche Wahrheiten waren. Von Zeit zu zeit hat es dem Herrn beliebt, uns weitere Erleuchtung zu gewähren; unsere Grundsätze vervollkommneten und unsere Irrtümer verminderten sich. Nun sind wir aber nicht gewiß, daß wir schon am Ende dieses Voranschreitens und bei der Vollkommenheit geistlichen oder theologischen Wissens angekommen sind. Wir fürchten vielmehr, daß, wenn wir unser Glaubensbekenntnis erst einmal drucken ließen, wir uns durch dasselbe gleichsam gebunden und eingeschränkt fühlen und vielleicht abgeneigt werden würden, eine weitere Vervollkommnung anzunehmen, und daß es unseren Nachkommen in noch weit stärkerem Maße so gehen würde, weil sie annehmen würden, daß das, was wir Älteren und Gründer getan haben, etwas Geheiligtes sei, wovon niemals abgewichen werden dürfe."

Du sollst deine Glaubensgrundsätze nicht niederschreiben und erst recht nicht drucken, sonst wirst du auf immer ihr Gefangener sein.

Der letzte Satz ist beeindruckend: ein Glaubensbekenntnis, eine Idee, wie die Welt und das Leben aufgebaut sein kann, soll man nicht aufschreiben, da man hier keine Gewissheit hat. So kann sich die Idee nach den Erkenntnissen formen und die Erkenntnisse werden nicht nach der Niederschrift geformt.

Bei Zielen und der Zielsetzung jedoch will man der Gefangene der selbst niedergeschriebenen Ziele sein, da sie hier motivieren.

Was also im einen Fall störend sein kann und einen zurückhält, kann auf der anderen Seite beflügeln.

 

Über den Informationsgehalt, bzw. Wert unserer täglichen Nachrichten (Seite 87):

Wie oft kommt es vor, daß die Informationen, die ich morgens dem Radio, dem Fernsehen oder der Zeitung entnehme, mich dazu veranlassen, meine Pläne für den Tag zu ändern oder etwas zu tun, was ich sonst nicht getan hätte, und wie oft verhelfen mir diese Informationen zu Einsichten in Probleme, die ich lösen soll? Für die meisten von uns hat die Wettervorhersage zuweilen solche Konsequenzen; für Investoren sind die Börsenberichte folgenreich; und folgenreich ist manchmal auch die Meldung über ein Verbrechen, wenn es zufällig in unserer Umgebung geschehen ist oder jemand, den man kennt, davon betroffen ist. Doch der größte Teil der täglichen Nachrichten bleibt wirkungslos, besteht aus Informationen, über die wir reden können, die uns jedoch nicht zu sinnvollem Handeln veranlassen.

Hier hat Vera F. Birkenbihl immer ein schönes Beispiel gebracht. Sinngemäß:

"Die brennende Scheune im Fernsehen interessiert mich nicht. Es sei denn, es ist meine Scheune. Aber dann brauche ich die Information nicht aus den Nachrichten, dann weiß ich es schon längst. Die Information über die brennende Scheune hat null mit meinem Leben und Alltag zu tun. Wenn darüber berichtet würde, warum es zum Feuer kam und wie sich dies vermeiden lässt, hätte man eine wertvolle Information. So, wie es uns vorgeworfen wird, haben wir nur Info-Müll."

 

Ein besonders schönes Wort zum Wert der Geschichte, welches ich ansonsten unkommentiert lasse (Seite 167):

Geschichte besitzt nur für den einen Wert, der die Vorstellung ernst nimmt, daß die Vergangenheit Strukturen aufweist, aus denen sich für die Gegenwart nutzbringende Traditionen ergeben.

In diesem TED-Talk geht Andrew Stanton auf gutes Storytelling ein.

Eine gute Geschichte zieht dich in ihren Bann mit dem Versprechen, dass es deine Zeit wert ist und sorgt dafür, dass du emotional berührt wirst, dass du angesprochen bist, dass du dich interessierst.

Eine gute Geschichte, jeder einzelne Handlungsstrang, arbeitet immer auf ein finales Ergebnis hin. Gutes Storytelling ist gutes Witze erzählen. Alles ist ausgerichtet auf die Pointe.

Eine gute Geschichte gibt uns nicht alle Informationen, wir müssen ergänzen. Wir müssen (mit)arbeiten, um die Geschichte komplett zu machen. Aus demselben Grund beschäftigen wir uns gerne mit Kindern oder Tieren, die nicht in der Lage sind, sich vollständig auszudrücken. Wir sind von Natur aus darauf ausgelegt, Sachverhalte zu verstehen, zu entschlüsseln und zu vervollständigen und das tun wir im Umgang mit Tieren und Kindern. Und wir fühlen uns gut, wenn wir das Rätsel geknackt, die Botschaft verstanden haben. Auch, wenn sie eher klein und unbedeutend war und uns das Ergebnis nicht als Belohnung bewusst wird - unterbewusst sind wir dies sehr wohl.

Eine gute Geschichte gibt dir nicht das Ergebnis, du erfährst nicht, dass die Lösung 4 ist. Du bekommst 2 + 2 präsentiert und musst die Lösung selbst herausfinden. Ein fertiges Ergebnis präsentiert zu bekommen, ist langweilig. Niemand geht ins Kino, nur um das Ende zu sehen, um sofort die Lösung zu erfahren. Wir wollen die Hinführung zum Climax, zum Höhepunkt. Wir wollen miträtseln, mitleiden, mitfiebern und einen Ticken schneller und schlauer sein als der Rest. Aber jeder will auf die Lösung kommen - ist es zu schwer, komme ich nicht mit, habe ich ein blödes Gefühl. Das darf nicht das Ergebnis einer Geschichte sein.

Drama ist Erwartungshaltung plus Unsicherheit.

Eine gute Geschichte baut eine Erwartung auf, lässt dich aber im Unklaren, wie sie sich entwickeln wird.

Ich bleibe im Unklaren, was passieren wird. Ich weiß nicht, wie die Geschichte ausgeht. Es gibt eine fehlgeleitete Erwartungshaltung, die das Ende umso mehr verstärkt. Hatte ich Recht? Hatte ich Unrecht und wie kompensiert die Geschichte das? Wenn es überhaupt kompensiert wird. Erzähl mir mehr, ich will wissen, wie die Geschichte weitergeht, ob ich Recht hatte, oder nicht. Ich fühle mit den Charakteren in der Geschichte, ich leide mit ihnen, ich bin involviert, ich bin kein Zuschauer, ich bin dabei. Ich will wissen, wie es endet. Wir alle haben das Bedürfnis, dass eine begonnene Handlung auch beendet wird.

Du kannst jeden Menschen lieben, wenn du seine Geschichte kennst.

Eine gute Geschichte hat Charaktere mit Vorzügen und Fehlern. So werden sie menschlich, so können wir uns identifizieren. Auch eine Person mit Charakterschwächen wird uns sympathisch, wenn wir die Hintergründe kennen und wenn sie über sich hinauswächst. Gutes Storytelling macht genau das.

Eine gute Geschichte hat ein zugrundeliegendes Thema, eine Schwingung, eine nicht ausgesprochene Botschaft, die wir unterbewusst erfassen und alles in einen größeren Rahmen setzt, dem ganzen ein Bild verleiht.

Exkurs: eine Hilfe, um eine gute Geschichte zu entwickeln, kann der morphologische Kasten (ausführliche Erklärung) sein:

Genre Held Gegner Schwäche Stärke
Horror Mann Land Schokolade hohe Intelligenz
Romanze Frau Monster Regen übernatürliche Fähigkeit
Action Alien keiner Licht  Unsterblichkeit
Comedy Tier (Hund) Geist Krankheit  Fliegen

Würden wir als Genre nun einen Krimi wählen mit einem Tier als Helden, einem Monster als Gegner, Schokolade als Schwäche und Fliegen als Stärke können wir mit einem weiteren morphologischen Kasten noch weiter in die Tiefe einsteigen (natürlich kann auch einfach der ursprüngliche Kasten um den nachfolgenden Kasten erweitert werden):

Epoche Ziel Gegner Tatwaffe Motiv Täter
Mittelalter Weltherrschaft Messer Gier Held selbst
Neuzeit Chaos Pistole Lust Natur
Zukunft Boykott scharfer Verstand Neid Gegner selbst
Gegenwart Erleuchtung Gift Stolz Handlanger

Diese grundlegenden Hinweise können uns helfen, bessere Geschichten zu erzählen. Egal, ob wir einen Aufsatz schreiben, eine Verkaufsseite im Internet oder ein Video erstellen.

Der obige TED-Talk ist eine wunderbare Einführung, gibt uns Impulse, lehrt uns und nährt die Seele. Denn das ist es, was eine gute Geschichte wirklich ausmacht.

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